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NATO-Generalsekretär Javier Solana erklärte am 22. März
im Gespräch mit Journalisten in Brüssel, im Kosovo sei nun für die NATO die Stunde der
Wahrheit gekommen. Der NATO-Rat, das höchste politische Gremium der Allianz, in dem die
Botschafter der neunzehn Mitgliedsstaaten vertreten sind, hat ihm die Ermächtigung
erteilt, den Oberbefehlshaber der Allierten Streitkräfte in Europa (SACEUR) General
Wesley Clark aufzufordern, Luftangriffe gegen Ziele in der Bundesrepublik Jugoslawien
anzuordnen.
Vertreibungs- und VernichtungspolitikDie Luftangriffe der NATO rollen nun seit mehreren Wochen und haben
sowohl in Belgrad als auch im Kosovo schwere Schäden an serbischen Einrichtungen
verursacht. Slobodan Milosevic setzt jedoch seine verbrecherische Vertreibungs- und
Vernichtungspolitik fort. Er schreckt vor keinen Verbrechen oder Opfern zurück um, um an
der Macht zu bleiben. Diesem Zweck dient auch das Klima der Indoktrination in der
Gesellschaft, der Verhetzung der Bevölkerung auf angebliche Verräter und des fanatischen
Hasses auf die Albaner. Ein solcher Zustand verleiht der serbischen Kriegsführung jenen
erbarmungslosen und grausamen Charakter, der auch den nationalsozialistischen
Vernichtungskrieg im Osten ebenso wie gegen die jüdische Bevölkerung Europas
gekennzeichnet hat. Angesichts dieser Situation bleibt den Kosovo-Albanern und ihren
Verbündeten nur eine Alternative: der Sieg um jeden Preis, weil eine Niederlage der
physischen Vernichtung der Kosovo-Albaner gleichzusetzen ist. "Sieg" ist jedoch
ein politischer Begriff, der nur anhand eines optimalen Verhältnisses zwischen den in
einem Konflikt eingesetzten Mitteln und dem damit erzielten Ergebnis erklärt werden kann.
Angesichts der von der NATO eingesetzten Mittel, der Leiden der kosovo-albanischen
Bevölkerung und der Verbrechen Milosevics kann nur die volle Unabhängigkeit für den
Kosovo unter einem internationalen Protektorat die volle Unabhängigkeit für Montenegro
und die vollständige Isolation des Belgrader Regimes das zu verfolgende Kriegsziel sein.
Zermürbunsbombardement
Umfassende Militärschläge aus der Luft, die auch taktische Ziele, z. B. die schweren
Waffen der jugoslawischen Armee ebenso wie die jugoslawischen Bodentruppen ins Visier
nehmen, haben den Vorteil, daß die überlegene Feuerkraft der NATO die operative
Fähigkeit der jugoslawischen Armee entscheidend beeinträchtigen kann. Rollende Angriffe
der NATO-Luftwaffe, vor allem unter Einsatz von Erdkampfflugzeugen, können die
jugolslawische Armee in einen aussichtslosen Kampf verwickeln, zumal sie ja lediglich das
offene Gelände beherrscht, das Angriffen aus der Luft offener ausgesetzt ist. Die
Verlegung der Apache-Kapmfhubschrauber nach Albanien ist ein begrüßenswerter Schritt in
diese Richtung. Die logische Konsequenz würde dann ein Einmarsch mit Bodentruppen sein,
der allerdings erst nach einem umfassenden, langwierigen und wirkungsvollen
"Zermürbungsbombardement" sowie nach dem Aufbau einer entsprechenden
Streitmacht in Mazedonien und Albanien erfolgen kann. Das politische Ziel, das einem
derartig furchterregenden Instrumentarium angemessen ist, ist, wie bereits erwähnt, die
Sicherstellung der vollen Unabhängigkeit für Kosovo und Montenegro und die Rückführung
der Flüchtlinge sowie der Aufbau von demokratischen Zivilgesellschaften in diesen
Ländern. Es ist zu erwarten, daß nun Montenegro die Gelegenheit nutzen wird, um Schritt
für Schritt die Loslösung vom stalinistischen Regime Milosevics voranzutreiben. Die
Neutralitätserklärung der Republik und das nervöse Verhalten der Bundesarmee zeigen
diese Tendenz ganz deutlich. Im Hinblick auf den Kosovo bleibt angesichts der massiven
Menschenrechtsverletzungen wohl nur die Erkenntnis übrig, die auch der Generalsekretär
im österreichschen Außenministerium, Dr. Albert Rohan ausgesprochen hat: " ... die
Option der Unabhängigkeit kann nicht mehr abgelehnt werden. Ein Staat verliert sein
Anrecht auf ein Gebiet, wenn er der dort lebenden Bevölkerung die grundlegenden
Bürgerrechte andauernd verweigert". (Die Presse, Dienstag 23 März 1999).
Unabhängigkeit
Die Unabhängigkeit hat sich als das einzige taugliche Instrument herausgestellt, um im
Kosovo eine funktionstüchtige Demokratie und eine auf der Einhaltung der Menschenrechte
beruhende Bürgergesellschaft aufzubauen. Eine junge, dem Westen zur Dankbarkeit
verpflichtete Demokratie im Kosovo, die volle Zusammenarbeit mit der internationalen
Gemeinschaft betreibt, ein unabhängiges demokratisches Montenegro und die Aussicht auf
Demokratie in Serbien, sowie die mit der Zerschlagung der serbischen Militärmacht
verbundene allgemeine Beruhigung in der Region, sind Ziele, die aus menschlicher und
moralischer Sicht einen allgemeinen Krieg gegen Milosevics Diktatur rechtfertigen. Die
Alternative dazu wäre, künstlich einen "Völkerkerker" aufrechtzuerhalten, der
sich obendrein auch der stalinistischen Ideologie verpflichtet hat. In realpolitischer
Hinsicht sind darüber hinaus die endgültige Beseitigung des russischen Einflusses in
Südosteuropa sowie die Beweisführung, daß die NATO im Sinne ihres neuen strategischen
Konzepts aus dem Jahre 1994 in der Lage ist, westliche Interessen aktiv zu vertreten, ein
lohnendes Ziel. Denn heute mag es um den Kosovo gehen, morgen wird es um Diktatoren gehen,
die den Westen mit Massenvernichtungswaffen zu erpressen versuchen und die lebenswichtigen
Rohstoffquellen bedrohen. Im Kosovo geht es darum, das Land für die Demokratie und die
Menschenrechte zu sichern. Es kann nicht akzeptabel sein, daß die serbische Regierung,
die verständlich so vehement für die Rechte der Serben in Kroatien, Bosnien Herzegovina
oder auch in Kosovo eingetreten ist, genau die gleichen Rechte den Kosovo-Albanern
verweigert. Als Begründung für diese Weigerung kann sie de facto nur das Gesetz des
Stärkeren anführen, nichts anderes. Diese unredliche sozialdarwinistische Politik darf
nicht länger geduldet werden.
Wende im Völkerrecht
Unter diesem Gesichtspunkt stellt der NATO-Angriff auf Jugoslawien eine großartige Wende
in der Entwicklung des Völkerrechts. Das Interventionsrecht zum Schutz und zur
Durchsetzung der Menschenrechte, die in der zwar nicht rechtlich, aber sehr wohl politisch
bindenden UN-Menschenrechtserklärung verankert sind, hat endlich durch die Macht von
Waffen die ihm gebührende Geltung erlangt und die verbrecherische Ausübung staatlicher
Souveränität in die Schranken gewiesen. Es geht nicht nur um einen Kampf um die
Unabhängigkeit des Kosovo. Es geht um Versprechen gegenüber Volksgruppen im Hinblick auf
die Einhaltung ihrer Rechte - und nicht zuletzt darum, das Land für die Demokratie sicher
zu machen. Die Geschichte hat gezeigt, daß ein Vielvölkerstaat ohne Demokratie die
Mißachtung der Menschenrechte und der einfachsten Gesetze der Menschlichkeit zum
Grundgesetz macht. Für solche Staaten können nur die Worte des nigerianischen
Schriftstellers und Nobelpreisträgers Wole Soyinka gelten: "Mögen die Staaten
untergehen, wenn sie die Gebote der Menschlichkeit mißachten". |