Portrai

"Il Professore"

Romano Prodi, der Nachfolger von Jaques Santer



Birthe Arff

dissertiert in
Politikwissenschaften

Romano Prodi
Designierter Präsident der Europäischen Kommission
Seine Gegner nennen ihn "La Mortadella", seine Freunde liebevoll "Il Professore". In all seiner Behäbigkeit und Beharrlichkeit brachte es der 59jährige Wirtschaftsprofessor Romano Prodi mehr als einmal fertig, Italien zum Staunen zu bringen. Nicht nur als er, vier Monate vorher noch relativ unbekannt bei den Wählern, am 18. 5. 1996 die Regierungsgeschicke in seine Hände nahm und mit 850 Tagen für eine der längsten Nachkriegs-Regierungen sorgte. Auch als er Italien in die Europäische Währungsunion führte. Und als er nach dem Sturz seiner Regierung nicht das Handtuch warf, sondern eine eigene Partei gründete. Jetzt ist nach Ansicht von Insidern der Favorit für die Nachfolge von Jacques Santer als Präsident der EU-Kommission.

Fleiß und Strebsamkeit

Das wäre eine neue Herausforderung für den Volkswirt, der als Spätstarter erst Ende der siebziger Jahre seine politische Karriere begann. Als achtes von neun Kindern kam Romano Prodi am 9. September 1939 im Dorf Scandiano in der Emilia Romagna als Sohn eines Ingenieurs und einer Lehrerin zur Welt. Seine Erziehung: streng katholisch, zu Fleiß und Strebsamkeit angehalten. Prodi und alle seine Geschwister machten einen Uni-Abschluß. Er studierte Ökonomie an der Katholischen Universität in Mailand, in Stanford und an der London School of Economics. Später lehrte er Volkswirtschaft und Industriepolitik an der Universität Bologna.
1978 ernannte Ex-Premier Giulio Andreotti den politisch kaum erfahrenen, parteilosen Prodi zum Industrieminister. Doch schon bald kehrte er vorerst der Politik wieder den Rücken und übernahm als Präsident die größte italienische Staatsholding IRI, zu der 500 unterschiedlichste staatliche Unternehmen gehören. Sieben Jahre lang kämpfte er gegen viel Widerstand dafür, die Holding zu privatisieren. Seine Geduld wurde belohnt: IRI kam auf Gewinnkurs, und Prodi, selbst über jeden Korruptionsverdacht erhaben, überlebte fünf Ministerpräsidenten.
Seine makellose Reputation und sein Fachwissen gaben sicherlich den Ausschlag für seine Nominierung. Trotzdem waren die Parteifreunde des linken Wahlbündnisses "Olivenbaum" skeptisch, als ausgerechnet der parteilose Romano Prodi zum Spitzenkandidaten erklärt wurde. Neben dem aggressiven, fernseherfahrenen, dynamischen Führer des Rechtsbündnisses, Silvio Berlusconi, wirkte Prodi wie ein netter Onkel – zu bescheiden, zu behäbig, zu blaß.
Diesen Vorurteilen zum Trotz verweigerte Prodi standhaft die Typberatung und den TV- Kurs und wandte sich lieber basisnah direkt an seine Wähler. Auf über einhundert Marktplätzen in Italien stattete er den Bürgern seinen Besuch ab und machte sein Manko der Unbekanntheit wett. Es gab eine historische Wende in Rom, das Wahlergebnis bescherte den Linken zum erstenmal in der Nachkriegsgeschichte eine Mehrheit.

Sparkurs

Prodi legte mit Volldampf mit seinem Sparkurs los und hielt sich erstaunlich lange. Sein größter Erfolg: Italien durfte bei der Europäischen Währungsunion dabei sein. Aber eben dieser Sparkurs zwang ihn später auch zum Rücktritt: Er scheiterte nach wochenlangem Streit um das Hauhaltsgesetz und die Einsparungen am Widerstand der Altkommunisten. Am 10. 10. 1998 machte er den Weg frei zur 56. Nachkriegs-Regierung unter Massimo D'Alema.
Geht es nach seinem Fürsprecher Massimo D'Alema, der bei seinen Kollegen Blair und Schröder schon einmal "vorfühlte", muß Prodi demnächst seine Parteiarbeit erst einmal zurückstellen. Als Präsident der EU-Kommission würde er alle Hände voll zu tun haben, um Italien würdig zu vertreten. Dabei wird ihm seine "Behäbigkeit" und Unbestechlichkeit mit Sicherheit nützen.