Interview

Politik und
Religion - kein
Widerspruch!

Der Vorsitzende der Plattform „Wir sind Kirche“
im Gespräch mit Sandra Kick über
die Zukunft der katholischen Kirche in Österreich
sowie über Aspekte der internationalen Politik



Sandra Kick

dissertiert in
Politikwissenschaften

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Photo: Dr. Feichtlbauer

Dr. Hubert Feichtlbauer
Vorsitzender der Plattform "Wir sind Kirche"

Ad personam

Dr. Hubert Feichtlbauer
Dr.rer.pol., Diplom-Dolmetsch
1932 in OÖ geboren, verheiratet, 3 Kinder
Studium der Staatswissenschaften und Dolmetsch

Beruf
Chefredakteur der "Wochenpresse" 1970-72
Chefredakteur des "Kurier" in Washington 1972-75
Sonderkorrespondent und USA-Korrespondent des "Kurier" 1977/78
Chefredakteur der "Furche" 1987-84
Leiter der Presseabteilung der Bundeswirtschaftskammer 1978-92
Seither freier Journalist und Mitarbeiter im ORF-Hörfunk und Fernsehen
Drehbuchautor der TV-Filme "Um Gottes Willen" und "Die Ära König"

Mitgleidschaften
Österreichischer Presserat bis 1997
Verband katholischer Publizisten Österreichs
Vorstand des katholischen Laierats Österreich seit den 80er Jahren
Leiter des Arbeitskreises der kathol. Aktion Österreichs für
    christl.-jüdische Verständigung seit 1995
Vorsitzender der Plattform "Wir sind Kirche" 1998/2000

Bücher
Der Computer macht´s möglich, Ein Sachbuch für Jedermann, Styria, 1978
Der Aufstand der Lämmer, Zu den Fragen des Kirchenvolks, Holzhausen 1995

Preise
Karl-Renner-Preis für Publizistik
Leopold-Kunschak-Preis für Publizistik
Theodor-Innitzer-Preis für Publizistik
Publizistik-Preis für geistige Landesverteidigung

G.V: In letzter Zeit war die katholische Kirche Österreichs oft im Gespräch – wegen zahlreicher Skandale. Die Kluft zwischen Amtskirche und einfachen Gläubigen wird immer größer. Organisationen wie Ihre Plattform "Wir sind Kirche", die Reformen fordern, finden in der Bevölkerung immer stärkeren Rückhalt. Aber wie kann es weitergehen?

H.F.: Die Plattform findet jedenfalls Zuspruch sowohl aus Laien- wie aus Kleruskreisen. Eine gesamtösterreichische Lösung ist angesichts der Meinungsverschiedenheiten in der Bischofskonferenz in nächster Zeit nicht zu erwarten. Aber einzelne Bischöfe wie etwa Paul Iby im Burgenland setzen den Dialogprozeß tapfer fort. Anderswo stockt diese Prozeß, aber insgesamt kann er nicht mehr umgebracht werden.

Der Rückgang des Einflusses von Institutionen ist ohnehin vorprogrammiert. In Moralfragen etwa entscheiden immer mehr Menschen nach allgemeingültigen Richtlinien, aber im Einzelfall gemäß eigenem Gewissen. Das gebildete Gewissen wird bald als höchste Instanz für Moralfragen auch offiziell in der katholischen Kirche umstritten sein, wie es das in der Theologie theoretisch seit Jahrhunderten war. Auch wird die katholische Kirche Prinzipien wie das der Arbeitsteilung (Solidarität), das sie aller Welt predigt und das sich auch in der Politik sehr bewährt, im eigenen Bereich verwirklichen müssen.

Eine Dezentralisierung der Befugnisse in der Kirche würde den lokalen Kirchen mehr Entscheidungsfreiheit lassen und Neuerungen könnten experimentierhalber in Teilen der Kirche erprobt werden, ehe sie in der Gesamtkirche eingeführt werden.

G.V: Sie waren jahrzehntelang auch politischer Journalist. Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation in Jugoslawien und im Kosovo?

H.F.: Ich bedaure, daß die NATO kein ausdrückliches Mandat der UNO für die Militäraktionen einholte. Was soll man sagen, wenn das nächste mal irgend ein anderer Staat ohne solches Mandat einfach losschlägt? Wenn man ein Veto im Sicherheitsrat fürchtete, hätte man sich wenigstens eine Ermächtigung durch eine Resolution in der Generalversammlung holen können. Eine solche war ja auch die Rechtsgrundlage für die Zurückschlagung des nordkoreanischen Angriffs auf Südkorea in den Fünfzigerjahren.

G.V.: Viele Beobachter befürchten durch den Alleingang der NATO gegen Milosevic das Wiederaufleben des Kalten Krieges und eine neue Eiszeit zwischen Ost und West .....

H.F.: Deshalb sollte man auch Rußland als politischen Vermittler zwischen Milosevic und dem Westen stärker in Erscheinung treten lassen, damit nicht – wie in Deutschland nach dem Diktatfrieden von Versailles 1919 – psychische Wunden zurückbleiben, die nach Rache rufen.


G.V.: Die Krise auf dem Balkan stellt Europa verstärkt vor die Frage nach einem effizienten Sicherheitssystem. Wie sehen Sie die sicherheitspolitische Zukunft Europas?

H.F.: Die UNO hat keine eigenen Streitmacht und braucht regionale Sicherheitsbündnisse zur Ausführung ihrer Beschlüsse. In Europa ist wohl auf Sicht außer der NATO kein Militärpotential vorhanden. WEU und OSCE sind wichtige politische Systeme, aber sie haben gleichfalls keine Militärmacht hinter sich. Prinzipielle NATO-Gegnerschaft ist also unsinnig, aber umso mehr sollte die NATO sich bemühen, nur im Einvernehmen mit der UNO zu handeln.

Umso wichtiger ist es aber auch, die seit langem diskutierten UN-Reformvorhaben – Vergrößerung des Sicherheitsrates, Revision des Vetorechts der Großmächte u.a. – zu beschließen. Die UNO würde damit effizienter und die Welt sicherer.

G.V.: Wir bedanken uns für das Interview.